Es ist mir bewusst, dass ich mich glücklich schätzen kann, zu wohnen, wo ich wohne. Vor dem Tunnel wäre Freiburg. Doch selbst die beschauliche Schwarzwald-Metropole war mir immer schon zu sehr Stadt. Hinterm Tunnel markiert Waldkirch den Zugang zum Elztal und dem Zweitälerland. Mein Zuhause.

Am Fuße tanngrün getünchter Gipfel von Kandel, Hörnleberg und Rohrhardsberg, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen und manchmal auch der Bär steppt, dort öffne ich mit meiner Haustür das Tor zum Naturpark Südschwarzwald. Gerade jetzt, da Distanz gefordert wird, entfalten die Vorzüge des Landlebens ihre ganze Kraft. Abgeschiedenheit. Ruhe. Naturnähe. Meine liebsten Touren in der Heimat führen durch dichte Wälder, über aussichtsreiche Höhenzüge und entlang rauschender Bäche. Meine bevorzugten Einkehrmöglichkeiten möchte ich dir hinsichtlich Post-Corona-Zeiten natürlich nicht vorenthalten. Heimatwandern.

Schwangeneck-Tour: Wiesen, Weiden, Kräutergarten

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Irgendwie zieht es mich häufiger in die steileren Höhenzüge, die das Elztal im Süden und Osten flankieren. Ohne triftigen Grund. Wahrscheinlich weil es schon immer so war. Die flachere Hügellandschaft im westlichen Zweitälerland wird wechselseitig geprägt von schwarzem Wald und landwirtschaftlichen Nutzflächen umliegender Kleinbauern.
Finden sich in meinem Rucksack neben obligatorischen Hobbit-Keksen, Hefezopf und Kaffee außerdem Picknickdecke statt Notfall-Hardshell, Nudelsalat statt Energieriegel und Radler statt zusätzlicher Wasserflasche, dann stehen die Chancen ziemlich gut, dass ich in Kürze irgendwo zwischen Schwangeneck und Dobelberg in einer bunten Blumenwiese oder am Waldrand in der Sonne liege.

Nicht falsch verstehen. Die Schwangeneck-Tour ist mit knapp 17 Kilometern Strecke kein Kinkerlitzchen. Die Höhenmeter sind aber überschaubar und stapeln sich größtenteils zu einem einzigen, anstrengenden Steilstück. Nach der tückisch unauffälligen Abzweigung rechts hoch – weg vom faden Forstweg durch den Eulenwald – nimmt die Steigung für etwa einen Kilometer stetig zu. Das lockere Warmlaufen hat ein Ende. Jetzt heißt’s Arschbacken zusammen und ab rauf, der Picknick-Pause entgegen.

Der Wald lichtet sich links abseits des Weges nicht weit vom Röscheneck – etwa bei Kilometer Neun. Zeit, den Rucksack zu erleichtern, durchzuatmen und inmitten von Wiesen-Kerbel und Löwenzahn die Beine auszustrecken. Gegenüber – s’Gscheid und der Tannenbühl mit wirbelnden Rotoren.

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Die Arbeit ist getan, die restliche Marschroute entspannt. Insofern kannst du alle weiteren Gelegenheiten zur Rast ohne Bedenken beim Schopfe packen und zusammen mit „Vincent dem Hochsitz“ nur knappe drei Kilometer später den Blick rüber zum Hörnleberg genießen. Oder im Gartenstüble am Dobelberg Frisches aus dem Kräutergarten naschen. Oder beides.

Harte Fakten
Startpunkt: Oberwinden Bahnhof, von Freiburg mit ÖPNV im Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF) erreichbar, www.rvf.de
Strecke: 16,5 km Roundtrip
Auf- & Abstieg: 370 hm aufwärts, 370 hm abwärts
Wegpunkte: Oberwinden Bahnhof – Allmendstraße – Ziegelhütte – Scharmattensee – Am Eulenwald – Röscheneck – Rauchsbühl – Gartenstüble – Hillersberg – Oberwinden Bahnhof
Einkehren
Gartenstüble auf dem Dobelberg, www.kraeuterhof-dobelberg.de

Wildbach-Tour: Wasser marsch!

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Zweitälerland – zwei Täler: In Gutach-Bleibach ergänzt das Simonswälder Tal aus südöstlicher Richtung kommend das Elztal zum Zweitälerland. Es ist die wildere, rauere, urigere Seite. Mit spektakulären Steilhängen, die in die Höhe schießen und schmalen Schluchten, die sich querstellen. Zahlreiche, seitliche Wasserläufe pflügen sich durchs Gelände, fallen tief über kantige Klippen und bündeln all ihre Kräfte im Schlund des Simonswälder Tals zur Wilden Gutach.

Die Wildbach-Tour begleitet die Wilde Gutach taleinwärts gegen den Strom. Von der hübschen, hellblauen Schwarzwald-Finca nicht irritieren lassen: keine Villa in Privatbesitz, sondern ein historisches Pumpspeicherkraftwerk. Es führt kein Weg dran vorbei, nur einer mittendurch. Bei Kilometer Vier ist die Mündung des Teichbachs in die Wilde Gutach und der Einstieg zur Teichschlucht erreicht. Der sagenhafte Teichbach-Dschungel rund um den wasserreichen Sturzbach und die gleichnamige Schlucht steht als Märchen- … äh, sorry … Bannwald unter Naturschutz. Ein schmaler Steig schlängelt sich um moosüberwucherte Felsbrocken, führt unter umgestürzten Bäumen hindurch und über Geröllhalden.

Bannwald. Dieser Wald soll sich ungestört zum „Urwald von morgen“ entwickeln. Er dient außerdem als wissenschaftliche Beobachtungsfläche für die Urwaldforschung.

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Leider viel zu früh nach nur etwa einem Kilometer entfernt sich die Route wieder vom Teichbach, heraus aus der Schlucht und quer über die Obertalstraße. Nur der Wäldersteig liegt jetzt noch zwischen mir und meinem Vesper. Nach dem windigen, kleinen Wurzelweg mit der großen Klappe wartet die Vesperstube Hintereck – ein über 300 Jahre altes Bauernhaus in 950 Metern Höhe über dem Simonswälder Tal. Ganz schön schön.

„Wer d’ Wäldersteig nuff got innere halbe Stund, der brucht no kei Dokter, der isch no g’sund!“

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Am Spitzen Stein wird’s nochmal abenteuerlich. Liebe Wanderfreunde, manchmal geht’s schneller abwärts als einem lieb ist. Der Zieleinlauf ist wahrscheinlich der anspruchsvollste Teil der ganzen Tour. Stöcke raus und höchste Konzentration: 2,5 Kilometer. 480 Höhenmeter. 38% Gefälle. Gute Fahrt!

Harte Fakten
Startpunkt: Wanderparkplatz am Hohrain beim Gasthof Engel in Simonswald, von Freiburg mit ÖPNV im Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF) erreichbar, Haltestelle Simonswald Mattenhof, www.rvf.de
Strecke: 11,5 km Roundtrip
Auf- & Abstieg: 580 hm aufwärts, 550 hm abwärts
Wegpunkte: Gasthof Engel – Zweribachwerk – Wildgutach Pfaffmühle – Teichschlucht – Überquerung Obertalstraße – Wäldersteig – Vesperstube Hintereck – Am Spitzen Stein – Gasthof Engel
Einkehren
Vesperstube Hintereck, www.hintereck.de
Gasthof/Hotel Engel Simonswald www.hotel-engel.de

Schänzle-Tour: Über kurz oder lang auf den Hörnleberg

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Vom Wohnzimmer-Balkon aus habe ich beste Sicht auf die kleine Kapelle auf dem 905 Meter hohen Gipfel des Hörnlebergs. Mehrere Wanderwege führen hinauf zur seit dem Mittelalter vielbesuchten Wallfahrtskirche im Zweitälerland. Zu den Pilgern zähle ich ganz sicher nicht – schon aber zu all den Wanderfreunden und den Die-Schöne-Aussicht-Genießern … jene reicht bei guten Wetterbedingungen vom Elztal in den Rheingraben bis hinüber in die Vogesen.

Der Alte Hörnlebergweg ist der kürzeste und direkteste Aufstieg. Auf etwa viereinhalb Kilometern werden alle 590 Höhenmeter in einem Wusch abgewandert. Nach knapp 20 Minuten Gehzeit vorbei an urigen Höfen und weiten Ackerflächen schmuggelt sich zum ersten Mal der Geruch von frischem Holz in die Nase. Asphalt wird abgelöst von einem weich gefederten Teppich aus braunen Tannnadeln und Buchenblättern. Anfangs noch ein wohl gepflegter, breiter Forstweg wird er mit zunehmender Höhe steiler, schmaler, wilder. Es sind überwiegend Fichten, die den Pfad mit ihren flachen Wurzelsystemen durchziehen, Stolperfallen mit Nadeln und Zapfen vertuschen.
Beim Hörnlebergrank mündet der Weg in die Zufahrtsstraße zum Pilger-Parkplatz. Keine Sorge, das kurze Asphaltstück endet nach wenigen Metern und der halbstündige Stationenweg zur Wallfahrtskirche beginnt.

Schon als kleiner Stepke habe ich hier oben mit meinem Papa Brombeeren gepflückt und Hörnleberg-Wurst gegessen – ob aus dem Kiosk oder der eigenen Vesperdose. Solltest du dich nicht vom Panoramablick losreißen können, einfach nur dasitzen und vor dich hinschauen wollen, um später dann direkt wieder abzusteigen, dann hast du mein vollstest Verständnis.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

Astrid Lindgren

Solltest du jedoch weitergehen, erwarten dich entlang des Grats zwischen Hörnleberg und Rohrhardsberg wunderschön unscheinbare, schmale Pfade durch dichten Wald. Dieses Teilstück folgt für die nächsten 8,2 Kilometer dem Zweitälersteig. Auf insgesamt rund 108 Kilometern umzingelt er alle sieben Orte im Zweitälerland und passiert die drei höchsten Berge. Nummer Eins hast du gerade gemeistert. Nummer Zwei folgt in weniger als zweieinhalb Stunden – sofern du nicht auf dem Hörnleberg versackt bist. Der Weg steigt stetig bis zum Schänzle. Mit dem Gasthof auf dem Rohrhardsberg ist der höchste Punkt der Wanderung erreicht. Anstrengend? Ja. Auch. Zu verlockend allerdings sind die Ausblicke ins Tal. Verlockender noch die Aussicht auf ein Bauernvesper und ein Gläschen selbst gemachten Heidelbeerwein.

Wenige hundert Meter vom Schänzle verabschiedet sich der Zweitälersteig gen Norden. Es geht links weg. Abwärts. Die Teerstraße nach den Siebenfelsen mal erreicht, weist der Vorderzinken – immer der Nase nach – den Weg durch „d’Ëich“. Je nach Uhrzeit und körperlicher Verfassung (eine violett-blau gefärbte Zunge könnte ein erstes Indiz für zu viel Heidelbeerwein sein) besteht die Möglichkeit, sich ab hier entweder abholen oder in guter, alter Tramper-Manier mitnehmen zu lassen.

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Harte Fakten
Startpunkt: Oberwinden Bahnhof, von Freiburg mit ÖPNV im Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF) erreichbar, www.rvf.de
Strecke: 26,1 km Roundtrip, optional 21,9 km bis Elzach Bahnhof und per ÖPNV zurück nach Oberwinden
Auf- & Abstieg: 930 hm aufwärts, 940 hm abwärts
Wegpunkte: Oberwinden Bahnhof – Braunhöfe – Alter Hörnlebergweg – Parkplatz Stationenweg – Stationenweg – Hörnleberg (905 m) – Zweitälersteig – Tafelbühl (1084 m) – Dorerbühl-Hütte – Braunhörnle (1034 m) – Breitbühl – Schänzle Rohrhardsberg – Siebenfelsen – Vorderzinken – Landgasthaus zum Adler Yach – Kalmerwald – Staude – Oberwinden Bahnhof
Einkehren
Wirtshaus und Kiosk am Hörnleberg (geöffnet an Wallfahrtstagen von Mai bis Oktober)
Schänzle Rohrhardsberg (Gasthaus zur Schwedenschanze), www.schaenzle.com
Landgasthaus zum Adler Yach, www.adler-yach.de
Tipps

1. Zum Sundowner auf den Hörnleberg: Den 3,5-Stunden-Marsch bis zur Hörnleberg-Kappelle kann man sich gut auch für den Nachmittag vornehmen – bei einem gemütlichen Gipfelgetränk die Sonne dabei beobachten, wie sie hinter den Vogesen verschwindet und dann auf dem selben Weg oder über das Elztalhotel und den Rüttlersberg wieder absteigen.

2. Vorsicht Falle „Hörnleberg-Tour“: Die Route, die vom Tourismusverband Zweitälerland als „Hörnleberg-Tour“ ausgeschrieben ist, kann ich nicht empfehlen! Das mehr als ein Drittel der Gesamtstrecke einnehmende erste Teilstück auf den Tafelbühl zieht sich im großen Bogen auf steilen, faden Forstwegen leidig in die Länge. Der sehr viel schönere Abschnitt zwischen Tafelbühl und Hörnleberg ist dagegen auch Teil der Schänzle-Tour.

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One thought on “Heimatwandern: Die schönsten Tagestouren im Zweitälerland

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