Surfen. Es gehört zu Australien wie das Amen in die Kirche. Kein adäquater Vergleich? Ich denke schon, und ich wette die meisten Australier hier in Manly sehen das genauso, denn das Surfen ist deren eigene, ganz spezielle Religion. Ein Lebensgefühl, bei dem es um Freiheit geht und darum, Eins zu werden mit der Natur … oder so.

Sehr lange hat es nicht gedauert bis diese Welle der Faszination auch auf mich übergeschwappt ist.
Zugegeben ist für mich als sehr bedingt spiritueller Mensch, der noch nie auf einem Surfbrett stand, der übersinnliche Aspekt des Surfens eher weniger interessant. Es sind vielmehr gewisse andere charakteristische Werte der Surfkultur, die mich faszinieren, die da wären … Rip Curl, Billabong, Roxy, Songs von Jack Johnson und Männer wie Matthew Mcconaughey oder Kelly Slater. Deutlich zu wenig für ein Glaubensbekenntnis, aber was nicht ist, kann ja noch werden … also werde ich mich heute selbst in die Fluten stürtzen: 2 Stunden Schnupper-Surfkurs in der Manly Surf School.

„Surfen lässt sich in alle Sparten einordnen. Es ist KUNST, durch die Art wie du dich selbst auf einer Welle zum Ausdruck bringen kannst. Es ist SPORT, weil du dich mit ihr messen kannst, und es ist SPIRITUELL, denn es gibt nur dich und Mutter Natur. …“

Jay Moriarity and Chris Gallagher: The Ultimate Guide to Surfing, 2001, S. 10; Übers. d. Verf.

Mit Nina zusammen stehe ich jetzt also vor dem North Steyne Surf Lifesaving Club am Manly Beach, wie eine Presswurst in einen schwarzen, unvorteilhaften Wetsuit gezwängt, der – obwohl er mir deutlich zu groß ist – für meinen Geschmack immernoch viel zu eng anliegt. Mein Brett: ein riesiges, unhandliches Softboard, ein sogenanntes „Foamie“, knallgelb. Die sehr weiche Schaumstoffkonstruktion macht das Board sehr schwimmfähig, wodurch es für Neulinge wie mich einfacher sein soll, eine Welle zu erwischen. Außerdem besteht eine geringere Verletzungsgefahr als bei den harten, spitzzulaufenden Fiberglas-Boards. Die überdimensionale Größe lässt es stabiler im Wasser liegen, um besser aufstehen zu können. Nachteil: total uncool. Aber egal, höchste Zeit, endlich loszulegen. … Weit gefehlt! Wie bei fast allem, gibts eben auch beim Surfen ein paar Dinge, die man vorher wissen und beachten sollte. Hinsetzen und Zuhören.

Die Wellen am Manly Beach brechen über einer Sandbank in Strandnähe, ein sogenannter „Beach Break“. Es gibt also keine gefährlichen Riffe und Felsen im Untergrund. Gut. Allerdings – und das scheint mir doch weniger gut zu sein – verursachen Lücken in einer Sandbank starke Strömungen, da sich die ans Ufer hereinbrechenden Wassermassen vermehrt durch diese Lücken den Weg zurück ins Meer bahnen. Diese „Rip Currents“ können für Profis hilfreich sein, um hinter die Brechungslinie zum „Line Up“ zu gelangen, sollten von Anfänger aber besser gemieden werden. Einmal von dem gewaltigen Sog erfasst, kommt man wohl nur sehr schwer wieder heraus. Soviel zu den äußeren Bedingungen. Noch ein paar Tipps vom Profi, einige Trockenübungen im Sand, und dann geht’s auf ins ca. 18° C kühle Nass!

Musik-Tipp:
Jack Johnson and Friends: Best of Kokua Festival*

Hm, eigentlich sah’s doch gar nicht so schwer aus, so von Weitem! Jetzt aber, da ich gerade mal hüfttief in der tosenden Gischt der Brandung stehe und bereits Mühe habe, der Wucht des Wassers Stand zu halten, während ein Brecher nach dem anderen ans Ufer kracht, sehe ich doch ein paar Schwierigkeiten mehr als vermutet auf mich zuströmen. Schnell versuche ich, mich aufs Board zu schwingen, um dem Chaos in Richtung „Line Up“ zu entkommen.
Kein guter Moment: von der nächsten Welle unterspühlt, schießt das Schaumstoffbrett mit der Nase vorweg wie ein Geschoss in die Höhe. Die Wassermassen schmettern es direkt gegen meinen Körper, schleudern mich rückwärts in die Fluten und begraben mich unter sich. Keine Chance! Nach Luft schnappend finde ich mich und mein Board einige Sekunden später am Strand wieder vor – vom Meer zermalmt und wieder ausgespuckt … na ja, wir wollen’s mal nicht übertreiben. Angesichts der Tatsache, dass ich keine fünf Meter vom rettenden Ufer entfernt gewesen bin, war’s dann doch nicht ganz so dramatisch!

Nach etwa fünf weiteren Versuchen dieser Art (es könnten auch zehn gewesen sein), schaffe ich es endlich, mich durchs Weißwasser zu kämpfen und etwas weiter rauszupaddeln. Zeit, kurz durchzuatmen und alle weiteren Abläufe nochmal gedanklich durchzugehen, bevor ich meine erste Welle ausmache. Und da kommt sie auch schon auf mich zu gerauscht. Ich wende mich gen Küste, lege mich auf mein Board und fange an zu paddeln was das Zeug hält. Speed ist das Stichwort. „Paddle, paddle, paddle … deep strokes … keep paddling!“ schreit mir einer der Surf-Instructors zu, der mich unweit neben mir auf seinem Board sitzend beobachtet. Dann spühre ich wie die Welle mein Surfboard erfasst und ich mit einem Ruck … wusch … nach vorne schieße. „Pop up!“ höre ich von rechts. Jetzt schnell Hände aufs Brett und in einer einzigen schnellen aber flüssigen Bewegung die Füße unter den Oberkörper ziehen und nur wenig breiter als die Schultern quer zum Brett stellen. Schnell, reibungslos, explosiv! Soviel zur Theorie. Die Praxis stellt sich jedoch erstmal etwas anders dar: Meine Knie drängen unaufgefordert nach da, wo eigentlich meine Füße hin sollten, mein Gleichgewicht verabschiedet sich und mein Board ebenfalls! Hallo Strand!


Die zwei Kursstunden neigen sich mittlerweile schon fast dem Ende zu. Von einer SPIRITUELLEN Erfahrung bin ich derzeit mehr als entfernt. Es ist wahrlich eine KUNST, nicht zu ertrinken, und SPORT? Schlimmer! Oberarme und Oberschenkel fühlen sich an wie aus Blei, Bauchmuskeln besitze ich ganz offensichtlich überhaupt keine. Doch trotz aller Anstrengungen und Bläsuren ist das Ganze – man glaubt es kaum – auch irgendwie spaßig. Gut Ding braucht bekanntlich eben Weile, oder in diesem Fall einen langen Atem. Ergo, die lädierten Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen. Und schließlich soll sich diese Beharrlichkeit dann doch noch bezahlt machen: Mit Dazutun eines Instructors, der meinem Board im richtigen Moment Schub gibt, komme ich auf die Beine und schaffe es, meine Welle ans Ufer zu reiten. Nur ein belangloses Erfolgserlebnis oder tatsächlich eine winzige Spur des Glücksgefühls, nach dem ich gesucht habe? Keine Ahnung. Aber es schreit nach mehr!

Manly Surf School
North Steyne Surf Lifesaving Club, Manly, NSW 2095, Australien
Gegenüber Pine Street, rechts vom Surf Club
fon: (02) 9977 6977, bookings@manlysurfschool.com
www.manlysurfschool.com
Preise: 1 Surfstunde (120 Minuten), 60 AUD (ca. 45,60 EUR) für Erwachsene,
50 AUD (ca. 38 EUR) für Kinder, Day Tour Northern Beaches 99 AUD (ca. 75 EUR)

Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

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