Wer sich die Garden Route ohne Touristen erhofft, wird zweifelsfrei enttäuscht werden. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Knysna war definitiv eine Nummer zu heftig. Ich kann’s mir selbst nicht wirklich erklären. Wahrscheinlich ist es vielmehr die Erleichterung darüber, raus zu sein aus dem fiesen Mief halbwüchsiger, bekiffter Schnapsleichen in unserer Absteige. Damit hat mein Backpacker-Dasein dann ein für allemal ein Ende gefunden und ich habe mich nun wohl ganz offiziell zum Flashpacker gewandelt.

Abenteuer #1: Auf Asphalt

Hinter Plettenberg Bay kann ich wieder atmen. Klar sehen. Wir sind zurück in der Spur, die uns weg von der großen N2 auf die kleine, wenig befahrene R102 lotst. Durch enge Kurven und sichtbar wilder werdende Wälder. Über Felsschluchten und tiefe Flussläufe … hinab ins Tal der Natur: Nature’s Valley öffnet das Tor zum Tsitsikamma Nationalpark. Wuchtige, mit Flechten überwucherte Yellowwood-Baumriesen, immergrüne Fynbos-Sträucher, Farne und üppiges Grünzeug aller Art nannten dieses geschützte Fleckchen Erde schon weit vor unserer Zeit ihr Zuhause. Es regnet viel im gut 100 Kilometer langen Streifen Küstenurwald mit fast schon tropischen Bedingungen. In vielen kleinen Flüssen plätschert das typisch Cola-braun getünchte Wasser die dicht bewachsenen Hänge der Tsitsikamma Mountains hinunter. Der „Große“ der vielen kleinen endet in der gleichnamigen Groot River Lagoon. Hier treibt das Leben in einem Tümpel Coca-Cola entspannt vor sich hin.

Wir bleiben nicht über Nacht, auch wenn ich’s mir jetzt, da wir da sind, sehr gut vorstellen könnte. Doch Unterkünfte in dem versteckten Nest sind generell rar. Wir halten uns jedenfalls an den Plan und folgen weiter der R102. Vorbei am Grootrivier-Pass auf der gegenüberliegenden Seite des Tales, wieder hoch aufs Plateau, wo sie noch einmal die N2 kreuzt. Das Sträßchen wird von Kurve zu Kurve schmaler und ruppiger. Tiefe Schlaglöcher und Felsbrocken vergangener Steinschläge machen das Durchkommen zur Achterbahnfahrt. Die Vermutung, irgendwo eine Wegsperre verschusselt zu haben, liegt leider ziemlich nahe. Wir wollten alleine sein, jetzt sind wir’s. Gespenstisch alleine.
Was vom Asphalt der Straße übrig blieb, wird nun von unseren hoch konzentrierten Blicken durchbohrt. So schleichen wir vorbei am Bloukrans-Pass und der Grenze zum Eastern Cape – samt bester Sicht rüber zur Bloukrans Bridge – und merken es noch nicht einmal. Schön blöd! Es entgeht uns die Aussicht auf die größte Brücke Afrikas.

Abenteuer #2: Unter Sternen

30 Fahr-Minütchen sind es noch bis zum Storms River Village. Wo vor Jahrhunderten das Volk der San noch ungestört Seite an Seite mit Elefantenherden durchs Grün streifte, tobten im späten 19. Jahrhundert die Äxte der Holzhauer, um die Gegend zugänglich zu machen. Mit dem Bau der Passstraßen entstand die kleine Siedlung. Die Gründung des Nationalparks 1964 ließ die letzten, verschont gebliebenen Urwaldriesen aufatmen und das Village wurde nicht nur für uns zum perfekten Ausgangspunkt ins Naturreich Tsitsikamma.

Walking with the San, we are nothing but strangers to this land
Yet we keep it in our hearts until we can
Live this way again

„Walking With The San“, Charlie Simpson

Zwecks meines kürzlich vollzogenen Wandels zum Flashpacker, verzichten wir nun dankend aufs Mehrbettzimmer und gönnen uns ein Zweibett-Glamping-Zelt des Tsitsikamma Backpackers im Storms River Village. Wir könnten von hier aus bei Gelegenheit zur Bloukrans zurückkehren. Uns zu all den Verrückten in die Schlange stellen, um dann kopfüber am Bungy-Seil 216 Meter in den Abgrund zu springen! Doch es muss ja nicht gleich der Sprung von der Brücke sein. Tsitsikamma ist das „Adventure Capital“ Afrikas – hier findet jeder genau das Ausmaß an Abenteuer, das er sucht und für angemessen hält. Heute: Sternegucken!


Abenteuer #3: Auf Fußwegen

Das Dorf liegt außerhalb des Nationalparkgebiets. Das Entrance Gate mal durchfahren … fröhliches Parkplatzsuchen, wünsche ich! Mit einem der begehrten Übernachtungsplätze im reservateigenen Camp ließe sich die lästige Schlacht um eine Parklücke zwar vermeiden, allerdings zu entsprechend hohen Preisen. Das Storms River Mouth Rest Camp bietet Unterkünfte unterschiedlichen Standards. Zelt- und Caravanplätze sowie kleine und größere Blockhütten klemmen zwischen der Zufahrtsstraße zur Storms River Mündung und der zerklüfteten Felsküste. Mit „Ich-War-Aber-Zuerst-Hier“-Gehabe und neidischen „Schau-Mal-Die-In-Dem-Schicken-Chalet“-Blicken drängen die Besucherströme hinunter zum Mündungsgebiet und der Suspension Bridge – haarscharf vorbei an so manchem Chalet-Schlafzimmer. Früh morgens oder abends nach Parkschluss stell‘ ich’s mir trotzdem super schön vor. Dann, wenn sich all die fiesen, gehetzten Tagesgäste erstmal vom Acker gemacht haben und Vogelgesang nicht mehr von Touri-Gequake übertönt wird. Wenn man unbeobachtet die Beine hochlegen und in aller Ruhe nach Walen Ausschau halten kann. Wir sind fiese Tagesbesucher.


Der Mouth Trail ist ein kurzer Fußmarsch entlang der westlichen Uferseite der Flussmündung zur großen Hängebrücke. Easy peasy – für jedermann gemacht. Wir gehen’s dennoch langsam und entspannt an. Wollen uns von der Hast der anderen nicht anstecken lassen. Nehmen jede Abzweigung und jedes Schlupfloch im Dickicht wahr, das halbwegs nach einem Weg aussieht, um die Gegend zu erkunden und den kleinen Spaziergang zu einer Wanderung zu machen. Vergeblich. Wandern ist anders. Wandern ist Ruhe. Wandern ist Einsamkeit. Geselligkeit. Anstrengung und Glücksgefühl. Wandern ist Stock und Stein. Hinfallen und Aufstehen. Wandern ist … der Otter Trail.

Nur zwölf Leuten ist es täglich erlaubt, die 42 Küsten-Kilometer bis Nature’s Valley in Angriff zu nehmen. Insgesamt fünf Tagesetappen – die längste mit 14 Kilometern – führen abwechselnd durch Regenwald, über felsige Klippen und quer durch Flüsse hindurch. Der tosende Ozean bleibt immer in spürbarer Nähe. Leider nix für Spontan-Abenteurer: Die heißbegehrten Permits müssen Monate oder gar Jahre im Voraus gebucht werden. Den ersten, etwa drei Kilometer langen Teilabschnitt – auch bekannt als Waterfall Trail – dürfen wir auch ohne Extra-Konzession quasi schnupperwandern. Der sanfte Wald- und Wiesen-Einstieg trügt. Nach gut einem Kilometer wird es kniffliger. Felsbrocken und Geröllschutt prägen das Landschaftsbild und fordern unsere spärlich vorhandenen Kletterkünste heraus. Den hübschen Wasserfall, der dem Pfad seinen Namen gab, einmal erreicht, sind die Ngubu Huts und das Ende der zwar kürzesten aber bestimmt nicht einfachsten Etappe 1 des Otter Trail zum Greifen nah. Ohne Permit stehen für uns jedoch alle Wegweiser auf Umkehren.


Mehr Abenteuer zu Fuß

Blue Duiker TrailEin Fünfeinhalb Kilometer Rundweg, der als Verlängerung des nur zwei Kilometer langen Lourie Trails verstanden werden darf. Er startet westlich der Touristeninformation landeinwärts durch die Waldgebiete oberhalb des Storms River Mouth Rest Camps. Nach den ersten 200 Metern Aufstieg kann am Agulhas Viewpoint – mit bester Sicht raus auf den Indischen Ozean – Ausschau nach Walen und Delfinen gehalten werden. Auf halber Strecke mündet er an der Küste in den Waterfall Trail. Die beiden Trails lassen sich so glänzend zu einer Tagestour kombinieren – ein zusätzliches Permit ist dafür nicht erforderlich.
Ratel Forest Trail & Big TreeIn 20 Minuten zu Fuß vom Tsitsikamma Backpackers erreichbar, nur drei Minütchen sind’s mit dem Wagen. Ein großer Parkplatz ist vorhanden. Wer das Wohnzimmer dieser ganz besonderen, 800 Jahre alten Steineibe – in Südafrika Yellowwood genannt – betreten will, zahlt eine kleine Gebühr von etwa drei Euro und wird über einen Boardwalk bequem zur groß gewachsenen Dame geleitet. Auch etwas längere Spaziergänge durch das Buschwerk der hiesigen Wälder sind möglich. Der komplette Ratel Forest Trail umfasst etwa vier Kilometer Wegstrecke, kann aber auch auf knapp drei abgekürzt werden.
Dolphin TrailDie Luxus-Variante einer Zweitageswanderung: 17 Kilometer lang. Geführt. Inklusive drei Übernachtungen in Unterkünften mit allem Pipapo. Das Reisegepäck wird mit Fahrzeugen von A nach B transportiert, sodass mit leichtem Tagesrucksack losmarschiert werden kann. Von der Storms River Mündung geht’s über die Suspension Bridge ostwärts.
Ausführlich beschrieben unter www.dolphintrail.co.za
Tsitsikamma TrailAuf etwa 60 Kilometern Länge erstreckt sich der Tsitsikamma Trail durch das unberührte Hinterland der Tsitsikamma Mountains. Die Marschroute verläuft in insgesamt sechs Tagesetappen – entgegen dem Otter Trail – von Nature’s Valley zum Stormsriver Village. Jede Übernachtungshütte am Ende einer Etappe ist über eine eigene Zufahrtsstraße leicht zugänglich. Es sind also auch nur einzelne Abschnitte begehbar. Um ein Permit kommt man allerdings trotzdem nicht herum.
Informieren und buchen unter www.mtoecotourism.co.za

Abenteuer #4: Übers Wasser

Das neue Jahr begrüßten wir nächtens leise und langsam – mit einem Gläschen Amarula unter südafrikanischem Himmel. Zeit für etwas Nervenkitzel. Gestern noch schwankten wir auf der Suspension Bridge sachte über der Stelle, wo Coca-Cola-Braun sich mit gesättigtem Türkisblau vermischt. Wo süß und salzig aufeinander treffen. Wo der Storms River sich im Indischen Ozean verliert. Und jetzt sitzen wir im knallroten Gummiboot und paddeln hinaus. Aufs Meer. Hinweg über jene Stelle. Hindurch unter der Brücke und gegen die Strömung tief hinein in die Storms River Schlucht. Mit jedem Meter, den wir bedächtig durch den tiefen Spalt in den Tsitsikamma-Bergen weiter in deren Herz vordringen, nehmen uns die Felswände rechts und links mehr und mehr in die Zange. Wir schippern unter kantigen Vorsprüngen hindurch und in finstere Höhlen hinein, bis es weiter nicht mehr geht. Dann satteln wir um. Auf Luftmatratzen. Nicht nass werden ist keine Option.
Tja. All das … und wie wir später dann von den Klippen in die natürlichen Pools im Fluss springen, habe ich für euch mit meiner GoPro im wahrscheinlich weltbesten Video ever festgehalten. Nur leider liegt dieses nun samt Kamera viele Meter tief auf dem Grund des Storms River.

1.1.2016: GoPro beim Klippenspringen versenkt. Bähm!


Abenteuer #5: Durch die Lüfte

Es hat die Nacht durchgeregnet. Wie auch schon die letzte. Und vorletzte. Typisch für die Gegend. Der letzte Tag im Tsitsikamma ist angebrochen. Aufbruchstimmung. Aber längst kein Grund, sich die Abenteuerlust vermasseln zu lassen. Bei Sonnenaufgang haben sich die dunklen Wolkenschwaden verzogen und wir sind für sämtliche Schandtaten bereit – vom Bungy-Sprung mal abgesehen. Der ist raus. Wir haben uns für die Schluffi-Variante entschieden: Ziplining. An acht unterschiedlich langen Stahlseilen fliegen wir rasant von Baumwipfel zu Baumwipfel zickzack über den Flusslauf des Kruis River. An einigen Stellen 50 Meter über dem Grund. Nur Tarzan selbst kann’s besser. Nach viel zu kurzen eineinhalb Stunden in luftigen Höhen steigen wir direkt in den Wagen und nehmen wieder Fahrt auf. Es heißt Abschied nehmen vom prächtigen Tsitsikamma-Dschungel. Time to hit the road again …

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Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

4 replies on “Am Ort des klaren Wassers: Abenteuer Tsitsikamma

  1. Toller Bericht! Wann genau ward Ihr denn beim Bloukrans Pass und mit was für einem Fahrzeug seid Ihr dort gefahren (4×4 oder normaler Pkw)? LG

    1. Hallo Jochen,

      danke für die Blumen!
      Wir waren Ende Dezember und über Sylvester am Bloukrans – mit einem normalen Kompaktwagen. Ein Chevrolet Aveo, wenn ich mich recht erinnere. 4×4 brauchst du nicht.

      LG,
      Claudi

  2. Super, wir haben uns heute auch dorthin – von Natures Valley aus kommend – „verirrt“ und sind durchgekommen. Es gab jedoch inzwischen einige recht enge Stellen und viel neuen Steinschlag. In ein paar Jahren dürfte die Straße wohl nicht mehr befahrbar sein. Eine wirklich tolle Strecke.

    LG und viel Spass auf Euren weiteren Reisen

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