Gerade habe ich mein erstes Zeitungsinterview gegeben. Nichts Spektakuläres. Ein paar Zeilen in der regionalen Wochenzeitung. Die Frage danach, wie das hier alles begann – mit dem Reisen, der Bloggerei und mit Gone Walkabout, hat mich zurückblicken lassen. In jene Zeit, vor Instagram und Twitter. Damals, als ich frech und ungeniert mit nicht viel mehr als Notizblock und Bleistift im Gepäck und Hummeln im Hintern voller Überzeugung eine Riesenlücke in meinen Lebenslauf lebte. Es war so Jabbadabaduuu, so Yippie und Yeah, und ich habe nicht auch nur eine Sekunde einen Gedanken an ein mögliches Ende verschwendet.
Nichts von all dem Erlebten sollte verloren gehen, das hat mir Gone Walkabout ermöglicht. Und darüber hinaus ist es mein Weg, diese großartige Lücke für mich offen- und freizuhalten, um jederzeit wieder darin eintauchen zu können. Meist auf neuen, unbekannten Traumpfaden. Dann und wann aber auch auf schon gegangenen.

Diesen hier ging ich vor auf den Tag genau zehn Jahren. Es begab sich am 26. Tage des dritten Monats im Jahre 2006. Ein Sonntag im Frühherbst, der regnerisch begann. Die Temperaturen um die 12 Grad Celsius. Ich befand mich auf der Südinsel Neuseelands und stand vor einer Herausforderung, die ich in meinem Travel-Journal später wie folgt beschrieb …

This was so impressive and scary at once … thank god, we’ve made it down again!


Scotty war unser Guide für ein achtstündiges Gletscherabenteuer, das uns von ganz unten über die ins Tal auslaufende Front des Franz Josef bis weit nach oben ins blaue Eis führen sollte. Mit Spitzhacke und in kurzen Hosen schlug der gebürtige Schotte für alle Weichkekse wie mich Stufe um Stufe ins Eis, half über Gletscherspalten und Schmelzwasser-Kuhlen hinweg und durch Eishöhlen hindurch.

Der Franz Josef Gletscher schleicht sich ununterbrochen von den steilen, schneereichen Südalpen Neuseelands durch dichten Regenwald bis fast auf Meereshöhe hinab. Und das an manchen Tagen bis zu acht Meter. Damit ist er zehn mal schneller unterwegs als die meisten anderen Talgletscher dieser Erde. Für den guten Franz Josef selbst bedeutet dies: kleinste Umwelt-Veränderungen zeigen ruck zuck Wirkung. Für Scotty bedeutete das auch an jenem Tag wieder, sich und allen Möchtegern-Eiskönigen in seinem Schlepptau neue Wege über die meterdicken Eisschichten suchen zu müssen.

Ich sehe mich heute noch wild zeternd inmitten der Eismassen stehen. Wie angefroren. Mich weigernd, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. So bohrte ich meine Steigeisen in den eisigen Untergrund und bestand mit vollem Ernst auf ein Helikopter-Taxi – das ich natürlich nicht bekam. Zehn Jahre später, ist ein „Full Day Glacier Adventure“ am Franz Josef komplett zu Fuß wie’s scheint gar nicht mehr möglich. Am Helikopter führt mittlerweile nichts mehr vorbei. Nur so kann ein gesicherter, höher gelegener Einstieg erreicht werden – zu einem entsprechend hohen Preis, versteht sich.


Die Gletscherschmelze ist an sich ja nichts Außergewöhnliches. Gletscher ziehen sich andauernd zurück und wachsen auch wieder an. Dieses spezielle Exemplar aber reagiert eben besonders empfindlich, und ich war schon sehr erschrocken, als ich aktuelle Fotos mit meinen Schnappschüssen von 2006 verglichen habe. Wo bitte ist das ganze Eis hin?
Seinerzeit jubelte man noch über einen massiven Vorstoß des Eisstroms. Seit 2008 ist Ende Gelände und Franz Josef wieder sichtlich auf dem Rückzug. Fast 1000 Meter Gefrorenes wurden in den letzten zehn Jahren quasi dahingerafft. Ich bin froh, dass ich die Situation noch anders erlebt habe, und würde vorschlagen wir sprechen uns dann in zehn Jahren nochmal … 26. März 2026, in Franz Josef. Wir haben ein Date!

Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

4 replies on “Timehop – damals in Franz Josef

    1. Hey Tabitha,
      ja, im Nachhinein muss ich sagen, das war schon echt aufregend. Damals bin ich tatsächlich sehr naiv an die Sache rangegangen und habe gedacht, ich könnte mal flink auf ’nen Gletscher raufspazieren. Irgendwann stand ich dann da und habe mir fast in die Hosen gemacht ;)
      Grüßle, Claudi

  1. Hallo Claudia!

    Das sind ja tolle Bilder aus dem Eis! Wir waren im November 2016 dort und leider ist der Gletscher schon wieder viel viel weiter zurück gegangen. Es wir wirklich traurig, wie schnell das geht. Schön, dass du die Tour gemacht hast!

    1. Hey Thomas,

      danke für dein Feedback. Ja, ich find’s echt auch traurig. Es wird einem irgendwie erst so richtig bewusst, wenn man so einen außergewöhnlichen Ort wie den Franz Josef selbst erlebt hat und dann zuschauen muss, was mit ihm passiert. Hast du Fotos vom November 2016? Würde mich sehr interessieren wie der gute Franz Josef momentan so daherkommt.

      Ganz liebe Grüße aus dem Schwarzwald,
      Claudi

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