Kurzes Brainstorming: Starke kleine Mädchen und freche Jungs. Ein schnuckliges rotes Holzhäuschen am See. Schöne blonde Menschen mit BLOMSTERkränzchen, die an bunt geschmückter und reich gedeckter Tafel unter freiem Himmel KÖTTBULLAR, LAX und KNÄCKEBRÖD futtern und weiße MIDSOMMAR-Nächte durchtanzen. Willkommen in meinem Kopf-Schweden. Allerdings herrscht Ende Mai noch tiefste Nebensaison. Heißt: Pippi-Pause in Astrid Lindgrens Welt in Vimmerby. Baden nur für Hartgesottene. Und zu jenem großen Mittsommerfest sind wir gut vier Wochen zu früh. Wohin also? Was machen? Der zugegeben etwas schwammige Reiseplan unseres recht spontanen Schweden-Roadtrips liegt irgendwo quergeschnitten zwischen Göteborg und Stockholm – die Koordinaten: Stadt, Land und die Unbekannte X.

1. Stadt, Land … Fischerdorf

Cozy Shopping & Fika

Mein liebstes Plätzchen in Göteborg ist schnell gefunden – Haga. Kopfsteinpflaster, Kaffee, Kanelbullar. Während wir durch die schmalen Gassen des alten Arbeiterviertels streifen, wickeln uns der süße Duft von Zimt und aromatische Kaffeedämpfe schleichend und quasi spiralförmig in einen Mantel schwedischer Gelassenheit. Das Fika-Fieber hat uns gepackt. Und es ist weniger schlimm als es klingt. Fika – so heißt hier das Kaffeekränzchen, das anders als bei uns mehrmals täglich zu jeder erdenklichen Uhrzeit stattfinden kann. Dazu gibts obligatorisch Zimtschnecken: Kanelbullar. Und schon ham’se mich, die Schweden. Ich bin im Himmel. Fast.



Bullerbü, da und dort und überall!

Wer mich kennt weiß, so richtig wohl fühle ich mich dort, wo der Himmel weit ist. Wo keine Gebäude an den Wolken kratzen oder Menschenmassen mich durch die Strassen schieben. Nicht dass das in diesem Ausmaß aufs sehr beschauliche Göteborg zutreffen würde, aber Stadt ist Stadt und ich bin Dorfkind. Ohne Staub-Allergie, so richtig mit Traktor, Gummistiefeln und so.
Die liebgewonnenen Kanelbullar packen wir in die Vesperbox und lassen die Stadt also vorerst hinter uns. Abseits der großen E6, nur wenige Kilometer nördlich von Göteborg, greift die Natur freizügig in die Farbpalette aller Grün- und Brauntöne, die sie zur Verfügung hat. Gedämpftes Dunkelgrün zunehmend dichter werdender Waldstücke verläuft zu knackigem, natürlich sattem Wiesengrün – getupft mit … Überrachung … roten, manchmal auch gelben Bauernhäusern. Menschen sind kaum unterwegs, dafür jede Menge Pferde. Und wenn du willst sind wir gar nicht in Bohuslän, sondern in Bullerbü. Und ich bin gar nicht ich, sondern Lisa. Und du Lasse oder Bosse oder Inga.

„,Mir tun alle Leid, die nicht in Bullerbü wohnen‘, sagt Lisa.“
(Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü)

Wir orientieren uns am großen Wasser – im Visier einen Punkt, der unserer gänzlich analogen Karte nach möglichst weit in die Nordsee hinausragt. Straßenschilder in Richtung Lysekil ködern uns mit Autofährsymbolen. Könnte lustig sein. Machen wir! Ohne es zu ahnen, gilt die zufällig angepeilte Koordinate dem wahrhaft einzigen echten Fjord in ganz Schweden – dem Gullmarsfjord. Die Fährüberfahrt ist für umme und absolut unkompliziert. Ran, rauf, ruckzuck rüber, runter, weg. Zu unserer Schande lassen wir uns eingeklemmt zwischen LKW und Fährverschanzung allerdings dazu hinreißen, dem Inhalt unserer Vesperbox letztlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem armen Gullmarn. Kurz vor Erreichen des anderen Ufers … „Oh, wir fahrn ja schon!“ Einfach übersehen zu werden, das hat er wahrscheinlich sicherlich nicht verdient. Wer aber glaubt, in Schweden ein Fest der Fjorde erwarten zu können, irrt und muss zum norwegischen Nachbarn übersetzen.


Von Bootshaus-Märchen & Räubertöchtern

Es riecht nach Regen. Die Luft ist frisch und feucht. Mit Spuren von Salz. Der Himmel bleich – aschgrau bis milchig weiß verschleiert. Nur manchmal, für einen Augenblick, lässt er hellblaue Flecken durchschimmern, um sie dann sofort wieder weiß zu überstreichen. Ein bisschen so habe ich mir Schweden auch vorgestellt. So … weiß. Schneeweiß im Winter. Weiß wie Nichts, wie Weite und Ruhe, wie Weißraum in gutem Design. Wie leichte Sommerkleider im Wind. Blütenweiß. Weiß wie helle Räume in schlichter schwedischer Eleganz. Weiß wie der Hagelzucker auf den Kanelbullar. Apropos … gibt’s noch Zimtschnecken?
Offensichtlich ist es allein der Nebensaison zu verdanken, dass wir wenig später im märchenhaft verträumten Miniatur-Bistro der Pensionat Bryggan * die Beine ausstrecken können, ohne Platzkämpfe ausfechten zu müssen. Bisschen längere Gräten und ich könnte sie bei Kaffee und … richtig … Apfelkuchen fast ins kühle Nordsee-Nass baumeln lassen. Auf dem schmalen Pier im Yachthafen reiht sich Bootshaus-Bistro an Bootshaus-Boutique … an Bootshaus-Galerie … an Bootshaus-Bootshaus. Lackiert in weiß und gelb, in pastellgrün oder landläufigem falunrot. Die meisten geschlossen. Noch zeigt er sich entspannt und lauschig, der kleine Fischerort an Schwedens Westküste. Der Ort weit draußen – Smögen.




Es ist die Ruhe vor dem großen Sommersturm. Hält man die Augen offen und die Nase in den Wind, kann man seine Vorboten bereits sehen, hören, riechen. Die Luft ist getränkt mit Nuancen von Lack und Teer, die von frisch gestrichenen Holzplanken und präparierten Schiffsrümpfen zeugen. Es wird geschrubbt, gestrichen, gehämmert und gewerkelt, um das 1300-Seelen-Dörfchen und die gleichnamige Insel für die Hauptreisezeit von Mitte Juni bis August touritauglich aufzuhübschen. Mit den steigenden Temperaturen geht das kleine Nest scheinbar auf wie ein Hefeteig. Zeitweise sollen sich dann mehr als doppelt so viele Leute hier herumtreiben – vom Wassersportler und Segelyacht-Yuppie bis zur Camper-Familie. Jetzt sind wir zwei von vielleicht zwölf Besuchern.

Doch es gibt sie noch, die weniger gefeierten, ursprünglichen und weitestgehend unbekannten Fischerdörfer. Wo Fisch noch nach Fisch riechen und das Bootshaus nach Bretterverschlag aussehen darf. Wo Muscheln, Garnelen, Hummer und Co. die Hauptrolle spielen und Touristen als Komparsen zwar nicht wegzudenken sind, ihretwegen aber auch kein mords Brimborium betrieben wird.
Gullholmen ist eines der ältesten. Ein einziger, planlos auf eine winzige Insel gepresster Gebäudeknäuel, der aus allen Ufern platzt. Keine Autos – dafür wäre ohnehin zu wenig Platz. Einige wenige Häuschen wurden ausgelagert an den nordöstlichen Küstenstreifen der Nachbarinsel Härmanö, wo der weitaus größere Teil Naturschutzgebiet ist. Die perfekte Romantik-Kulisse. Mit weiten Heideflächen sowie von Wind, Wetter und Wasser geschliffenen, kargen Granitfelsen in bräunlich Grau und Altrosé. Typisch für die westliche Schärenlandschaft.
Turbulenter geht’s auf See zu. Bei den Gebrüdern Karlsson in Grebbestad können tatkräftige Fisherman’s Friends in die Rolle und den Thermo-Overall eines schwedischen Seemanns schlüpfen. An Bord eines echt schwedischen Fischkutters echt schwedischen Fisch fischen. Und das schwarze Gold des Meeres schürfen und schlürfen. Nichts für Samthandschuhträger. Im besten Fall gibts schmierige Gummihandschuhe, um beim Krabben- und Makrelen-Fischen oder auf Hummersafari Angel und Käfige einzuholen und die Tierchen auszusortieren. Der Mai ist nur leider die denkbar schlechteste Zeit für einen Abstecher nach Grebbestad. Zu früh für die Krabben, zu spät für den Hummer. Mr. Krabs und Larry Lobster haben saisonbedingt Sendepause.

„Wiesu denn bluß?“ Während meine Enttäuschung angesichts der verpassten Hummerjagd noch als mürrischer Rumpelwicht in meinem inneren Ohr vor sich hinschmollt, befinde ich mich quasi selbst schon mitten in Ronjas Rumpelräuberwelt und schleiche mich räubermäßig flink durch die Wolfsklamm. Kungsklyftan – ein knapp drei Meter breiter Spalt, der den Hausberg des charmanten Fischerorts Fjällbacka in zwei Teile teilt. Für Ronja und ihre Räuberkollegen der einzige Zugang zur Mattisburg. Uns führt die Schlucht über Stock und Stein und Stufen, hindurch unter riesigen, darin feststeckenden Granitfelsblöcken, bis hinauf auf den 74 Meter hohen Vetteberget. Entspannter Fußmarsch mit prima Aussicht!

„In der Wolfsklamm darfst du nicht schreien, sonst fallen Steine herab!“
(Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter).

Schon Astrid Lindgren sah also Tatort-Potenzial im ach so idyllischen Fjällbacka. Krimiautorin Camilla Läckberg hat nachgelegt. Die gebürtige Fjällbackiatin legt die Mordopfer ihrer Romane * einfach mal flugs in ihrem Heimatdorf ab. Warum auch nicht? Da kennt sie sich schließlich aus. Und ihre Fans können auf „Murder Mystery Tour“ nicht nur Schauplätze der bereits verfilmten Publikationen besuchen, sondern dabei auch den hübschen Küstenort erkunden, wo Klein-Camilla schon als fünfjähriges Bücherwürmchen selbstgebastelte Werke an Senioren verteilte. Wirklich gruselig ist allerdings die Tatsache, dass Filmemacher Daniel Lind Lagerlöf auf Drehortsuche zur vierten Folge der sechsteiligen TV-Serie in der Gegend um Fjällbacka spurlos verschwand und nie gefunden wurde.

Stadt, Land … Fischerdorf .zip

Die Tage 1 bis 3 unseres Schweden-Roadtrips führten uns von Göteborg (A) in der Provinz Bohuslän nach Jössefors am Rande des Naturreservats Glaskogen (B) in Värmland. Strecke: 390 Kilometer. Reine Fahrzeit: etwa 6 Stunden.

Ausgangspunkt Spar Hotel Majorna in Göteborg: Gutes Preis-Leistungsverhältnis – für zwei Übernachtungen im Doppelzimmer plus Frühstück haben wir 210 Euro bezahlt. Parken ist kostenlos und die Karre in der Tiefgarage vorerst bestens aufgehoben. Bequemer ist die Innenstadt mit der Straßenbahn zu erreichen. Eine Haltestelle, „Chapmans Torg“, befindet sich gleich schräg gegenüber des Hoteleingangs. Ins wunderbare Haga-Viertel, das an den Stadtteil Majorna grenzt, kann man locker auch zu Fuß gehen.
Buchen unter booking.com *
Pluspunkt Smögen und die Pensionat Bryggan sind klare Highlights in Etappe „Stadt, Land … Fischerdorf“. Sicherlich wäre es auch nett, dort ein, zwei Nächte abzusteigen. Ob der Ort und die kleine Pension zur Hauptsaison bei uns einen ähnlich zauberhaften Eindruck hinterlassen hätte? Hmm, schwer zu sagen. Geh‘ hin und finds raus!
Mehr Eindrücke und Buchungsmöglichkeiten bei booking.com *
Stichpunkt … Hummersafari. Ich will, ich will, ich will! Saisonpremiere ist alle Jahre wieder am vorletzten Montag im September. Punkt 7 Uhr. Am 14. April ist Ende-Gelände. Generell unterliegt die Lobsterpirsch in Schweden strengen Auflagen. Das hat bestimmt auch alles seine Richtigkeit. Für alle, die so clever sind und zur Jagdsaison nach Schweden reisen … ich würde unbedingt bei „Evert’s Sjöbod“ in Grebbestad auf eine Hummersafari vorbeischauen wollen. Vermutlich über Nacht, sodass sich das Hummerbier zum Dinner gut entfalten kann. Alternativ im „Stora Hotellet Bryggan“ in Fjällbacka – buchbar als Safari-Paket inklusive Übernachtung, Frühstück, 5-Gang-Lobster-Dinner, etc.
Infos und Anfragen unter www.evertssjobod.se und www.storahotelletbryggan.se

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Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

2 replies on “Schweden quergeschnitten: Stadt, Land … Fischerdorf

  1. Verrückt, obwohl ich noch nie in Schweden war reicht schon den Anblick von rot-weiß gestrichenen kleinen Häuschen um mich sofort in Urlaubsstimmung zu versetzen! Irgendwann ist Schweden auf alle Fälle bei mir auch mal auf der Liste, denn Zimtschnecken kann ich einfach nicht widerstehen…
    Also vielen Dank für den tollen Artikel & die wunderschönen Bilder…. Und dank der Zitate auch gleich noch ein bißchen Zeitreise… :-) Und auch wenn du über die verpasste Hummerjagd traurig bist, die Hummer wird’s wohl freuen ;-)

    Liebe Grüße
    Julia

  2. Der Holzsteg von Smögen mit seinen Hütten sieht einfach so herrlich aus! Danke, dass du auch diese Ecke vorgestellt hast. Ich mag deine Schweden-Serie sehr! LG :)

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