„One Skinny Flat White to Take Away, please!“ Nach einer Stunde Laufen habe ich mir den doch redlich verdient! Wenn nicht als Lohn für meine sportlichen Mühen, dann als unverzichtbarer Wachmacher nach einer sehr kurzen Nacht oder einfach nur zum Frühstück. Das „Bay Coffee Roasters“ in der Darley Road in Manly ist mittlerweile zu einem Treffpunkt jeden Morgen vor Schulstart geworden. Nicht ohne Auswirkungen auf meinen Kaffeekonsum wohlbemerkt.
Im International House Sydney (IH), unmittelbar angrenzend ans „Roasters“, werde ich noch bis Weihnachten wieder die Schulbank drücken dürfen. Richtig: dürfen. Ich bin ganz freiwillig hier und ich find’s großartig! Das IH ist der ultimative Ort, um tolle Leute kennenzulernen, Freunde zu treffen, etwas zu erleben, Spaß zu haben und ganz nebenbei auch noch effektiv sein Englisch zu verbessern.

Nach einem kurzen Einführungs-Test bin ich in die Upper Intermediate eingestuft worden – ein Glücksgriff, denn ich weiß nicht, ob meine Zeit hier in Sydney so großartig wäre, wenn ich nicht genau in dieser Klasse genau diese Leute kennengelernt hätte. Einige davon sind zu meinen besten Freunden geworden: Ana-Carolina Rodriguez, wie der Name schon vermuten lässt Brasilianerin, und wie die Nationalität vermuten lässt, für jeden Spaß und jede Party zu haben. Wenn man mit ihr keinen Spaß hat, dann ist man selbst schuld! Jennifer Lee ist Koreanerin und doch ist sie gar nicht so wie viele andere Asiaten, die der „hang loose“-Lebensphilosophie hier in Australien anfänglich meist sehr überrascht oder gar empört gegenüberstehen. Go Woon Lee, wie ihr richtiger Name lautet, ist entspannter, weniger gehemmt und verlegen. Dann sind da Karin aus der Schweiz, Julien, der von der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion im Indischen Ozean kommt, außerdem Enrique aus Spanien, Dennis aus Italien, Michael und Peter aus Tschechien … und, und, und. Es kommen immer wieder neue Leute von allen Ecken der Welt dazu, und leider gehen die meisten auch schon wieder viel zu früh. Lehrer unserer Truppe ist Luke Harnett, Kiwi. Dass Schule entgegen aller Vorurteile durchaus auch sehr spaßig sein kann, haben wir nicht zuletzt auch seinen, ich nenne sie mal vorsichtig „unkonventionellen“, Unterrichtsmethoden zu verdanken! Da soll man dann schon mal englische Begriffe des Surfer-ABCs pantomimisch darstellen, während andere sie erraten oder umgekehrt. Will man Luke beschreiben, bedarf es nicht vieler Worte: Wellen, Strände, Surfen und Surfboards.


Mittagspause: Zusammen mit Carolina, Jennifer Lee und anderen mache ich mich auf den Weg zum „Corso“, eine Querstraße zur Darley Road, nicht mal zwei Gehminuten vom IH entfernt, und Zentrum des Geschehens in Manly. Hier gibt es zahlreiche Restaurants, Bars Souvenirgeschäfte und Surf-Shops. Man kann das Rauschen der Wellen hören, der Geruch von Salzwasser liegt in der Luft und braungebrannte Beachboys und -girls schlendern das Surfboard lässig unter den Arm geklemmt in Richtung Strand. Auf dem einem Miniatur-Amphitheater ähnlichen Platz inmitten der geschäftigen Fußgängerzone tummeln sich unzählige Möwen und streiten sich schrill kreischend um ihren Anteil an meinem Mittagessen. Mit einem saftigen Stück Melone kaufe ich mich wenigstens vorrübergehend frei, sodass wir unbelästigt das Ende des Corso erreichen. Nur ein paar wenige Treppenstufen trennen mich jetzt noch vom goldenen, feinkörnigen Sand des weit über die Grenzen Australiens hinaus bekannten Manly Beach. Riesige, immergrüne Norfolk-Tannen flankieren die großzügige und auffallend saubere Strandpromenade, die sich von South Steyne, dem südlichen Strandabschnitt, bis zum Queenscliff am Nordende über mehr als zwei Kilometer erstreckt – ideal zum Skaten, zum Joggen oder für ausgiebige Spaziergänge.


Ich schlürfe zum Essen genussvoll meinen Melonen-Smoothie, die Zehen vergraben im weichen Sand. Kühle Gischt auf der Haut, blicke ich auf den türkisblauen Ozean und beobachte wie in den sich meterhoch auftürmenden Wellen etliche Surfer ihrer Leidenschaft frönen und ihre Geschicklichkeit auf dem Shortboard mit beeindruckenden Tricks und Manövern unter Beweis stellen. Nicht weit von hier, am Strandabschnitt nördlich der Klippen von Queenscliff wurde 1915 das australische Surfen geboren, als der Hawaiianer Duke Kahanamoku auf einer Holzplanke die Wellen von Freshwater Beach ritt. Indes ist es längst Teil der australischen Kultur und zum Nationalsport geworden.

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Die relaxte, heimische Atmosphäre hier bestätigt mich in meiner Entscheidung, meine ersten drei Monate Australien nicht im schillernden Zentrum Sydneys sondern hier im gemütlichen Manly zu verbringen. Manly – vom Lonely Planet als „The Jewel of the North Shore“ betitelt – befindet sich auf einem schmalen Streifen Land nördlich der Einfahrt zum Sydney Harbour. Die steilen Klippen und der tosende Ozean am North Head, dem Ende der Landzunge, bilden eine dramatische Hafeneinfahrt mit einzigartigem Blick auf die sieben Seemeilen südlich liegende Skyline von Sydney Central Business District (CBD). „Seven miles from Sydney and a thousand miles from care!“ verheißt die Inschrift an der „Manly Wharf“. Ein kurzer Fußmarsch von nur 500 Metern über den quer über die besagte Halbinsel führenden „Corso“ trennen die Anlegestelle am inneren Hafengebiet vom goldenen Juwelen am Südpazifik. Mich im Glanze dieses Schmuckstücks sonnend, besteht für mich nicht der geringste Zweifel am Wahrheitsgehalt der Prophezeihung am Hafen. Kaum zu glauben, dass ich mich in DER Millionenmetropole Australiens befinde und der Trubel der Großstadt jederzeit in weniger als 20 Minuten erreichbar ist. Aber einmal in Manly angekommen, sind Hektik, Stress und Sorgen wie weggezaubert.

So hat der Zauber, den dieser Ort verströhmt, bereits auch mich in seinen Bann gezogen und während wir uns langsam wieder auf den Weg zurück zum IH machen, frage ich mich, was wohl der Grund für das auffallend breite Grinsen in meinem Gesicht sein könnte …

Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

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