„Da gibt es diesen Ort. Abgelegen. Die meisten haben von ihm gehört. Nur wenige waren dort.“ Nicht mal Fräulein L. Ihre Frage, ob wir Interesse hätten, dort vorbeizuschauen, erübrigt sich eigentlich mit dieser Ansage, die auch aus einer Tim-Burton-Verfilmung stammen könnte. Wenige Stunden später nähern wir uns auf der hübsch asphaltierten Ringstraße im hübsch neuen VW-Bus der Abzweigung – Fräulein L. am Steuer. Sie öffnet uns die Tür zu Islands surrealem Wunderland: Thakgil. Eine Mischung aus Mordor und Auenland, tiefschwarz und sattgrün zugleich. Gefürchtet und geliebt.

There is a place. Like no place on Earth. A land full of wonder, mystery, and danger!

Lewis Carroll: „Alice im Wunderland“

Einzig diese eine holprige Offroadpiste führt hinein ins Gletschertal. Flankiert von tiefen, schroffen Tuffstein-Schluchten und grün überwucherten Anhöhen. Verwinkelt. Steil. Hinter jeder Straßenkuppe scheint sich der Weg im Dunst des Regens aufzulösen, wie eine Sprungschanze ins Nichts zu führen. Immer in beängstigend greifbarer Nähe: die verwunschene Sanderebene der Mýrdalssandur. Schmelzwasser, Schutt und Geröll haben sich hier in vergangenen Gletscherläufen ihren Platz geschaffen und eine gewaltige, schwarze Schneise in die Landschaft gefräst – ausgelöst und getrieben von mehreren feurigen Wutausbrüchen der berüchtigten Katla.

Man meint, sie schliefe, Katla, die Rote Königin. Warm gebettet in ihrer Magmakammer unter einer bis zu 700 Meter dicken Eisschicht des Mýrdalsjökull. Doch ihr Schlaf ist rastlos, fiebrig. Ihr explosives Wiedererwachen längst überfällig.
Die andauernde Unruhe begann im Sommer 2011. Die zerstörerische Flut brach im Südosten unter dem Mýrdalsjökull nahe Thakgil hervor und stürzte talwärts. Alles im Wege stehende wurde verschluckt, so auch die Brücke der Ringstraße am Gletscherfluss Múlakvísl. Vorausgegangen war dem verhältnismäßig kleinen Gletscherläufchen ein wohl kurzes Zucken der Katla. Und sie häufen sich, ihre Aktivitäten. Die letzte? Vor weniger als drei Wochen!


Auch wenn die Schlucht mit all ihren bizarren Felsformationen den Schotterweg und unseren inzwischen nicht mehr ganz so neuen VW-Bus zunehmend in die Zange nimmt: Durchhalten. Weiterfahren. Allen Bedenken und Dringlichkeiten zum Trotz, immer weiter … und weiter. Nach etwa 45 Minuten inklusive Pinkel- und Fotopause endet dann die Straße. Verborgen in einem Talkessel inmitten des prächtigen Chaos der Katla liegt der Campingplatz Thakgil.


Nur wenige Mit-Camper haben sich hierher ins unbeschadete Reich der Natur verirrt. Ebenso gut hätte „The Beach“ mit Leonardo diCaprio auch hier spielen und „The Gorge“ heißen können. Dann wäre die Situation heute sicherlich eine andere. Doch so … Ruhe. Nur friedliches Gluckern von Wasser ist zu hören. Der kleine Bach, der sich über den Talgrund schlängelt? Der Regen? Oder doch die vor sich hin köchelnden Kartoffeln auf unserem Mini-Gaskocher? Und alle kommen gut mit dem aus, was eingefleischte Hardcore-Camper gar als Komfort bezeichnen würden: eine Dusche, Spülbecken, zwei Toiletten. Für alle Tussis gibts sogar Bungalows zu mieten, so richtig mit Elektrizität und allem Pipapo. Das Herzstück des Camps ist aber zweifelsfrei der mit Ofen, Tisch und Stühlen gepimpte Koch- und Essbereich in einer natürlichen Höhle – von Katla freundlichst zur Verfügung gestellt. Da schmecken Pellkartoffeln mit Butter und Salat vor dem zu Zelt gehen doch gleich nochmal so gut.


Und morgen, gleich in aller Frühe werden wir uns aufmachen, uns leise an die eisbedeckte Katla heranschleichen. Einer der Trails führt über eine Strecke von etwa sieben Kilometern bis zum Rande des Mýrdalsjökull. Aber auch vorher schon ist der gewaltige Gletscher in Sichtweite und die Ausblicke ins grüne Tal der Trolle grandios. Zu nahe wollen wir ihr dann auch nicht kommen. Zu groß ist der Respekt vor ihrem unberechenbaren Temperament. Denn unter keinen Umständen sollte man riskieren, sie aufzuwecken. Katla, die Rote Königin. Herrscherin über Islands surreales Wunderland.



Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

3 replies on “Thakgil – Islands surreales Wunderland

  1. das sieht aber sehr spektakulär aus, und passt wirklich gut zu Alice im Wunderland. Island ist einfach der Wahnsinn. Ich musste erst gestern wieder an meinen letzten Trip nach Island denken. Faszinierend ist euer VW Bus, scheint sich wacker zu schlagen, auf den Schotterpisten. Wir hatten uns damals immer einen Geländewagen gewünscht, geblieben ist es beim Toyota Yaris (leider aus Budgetgründen). Wunderschöne Bilder, die du da gemacht hast!
    Liebe Grüße
    Regina

    1. Hallo Regina,
      danke für deinen Kommentar! Ja, Island ist toll und ich muss auch unbedingt mal im Winter dahin und viel mehr Zeit im Hochland verbringen. Ich weiß nicht, ob das mit dem VW-Bus dann auch noch funktionieren wird ;)
      LG, Claudi

  2. Woa, absolut tolle Bilder und eine absolut traumhafte Gegend.
    Schade, dass diese nicht Teil meiner Islandreise war. Bei meiner nächsten Reise nach Island muss ich dort unbedingt hin.
    Vielen Dank Claudia :)

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