Die besten Nightlife-Tipps in Sydney, Islands wilde Kreaturen oder die schönsten Strände Hawaiis. Klar! Kenn‘ ich. Aber was, wenn es um mein eigenes Land geht? Unsere Hauptstadt? Die deutschen Inseln? Deutschlands höchster Berg? Große Augen sind leider alles, was ich bis dato zum Thema „Reiseland Deutschland“ beizutragen habe. Und ja … ich schäme mich! Aber das wird jetzt ein Ende haben. Kein Aufschieben mehr. Kein „Da-Kann-Ich-Ja-Dann-Irgendwann-Zwischendurch-Mal-Hin!“. Irgendwann zwischendurch wird kommendes Wochenende sein. Und liebe Zugspitze, wir werden zusammen viel Spaß haben. Ausgehen. Du im funkelnd weißen Kleid und ich in meinen schicksten Schneeschuhen. Und die Welt wird uns so was von zu Füßen liegen – zumindest die deutsche Welt – und mit ihr die Geschwindigkeit.

Garmisch-Partenkirchen. Freitagnachmittag. Die Tür zu meinem bayrischen Appartement habe ich gerade soweit geöffnet, um einen ersten Blick und ein paar lose Habseligkeiten hineinschmeißen zu können. Erstmal raus. Große flauschige Schneeflocken wie Wassereis auf der Zunge zergehen lassen und meine Fußspuren dort hinterlassen, wo eine unberührte Neuschneedecke mir von Einsamkeit und Stillstand erzählt. Meine Blicke versuchen die Konturen des Wettersteingebirges vor dem zunehmend dunkleren, blauen Restlicht der Dämmerung auszumachen, bevor sie im Schwarz der Nacht abtauchen. Zu spät.
Zu früh, der Handy-Wecker morgens um halb Acht. Es sind einzig die Gedanken an dich, liebe Zugspitze, die mich als gebürtige Siebenschläferin um diese Uhrzeit barfuß und in Trance raus auf den Balkon locken können. Und du? Abgetaucht. Wieder. In einer undurchdringlichen, bleichen Nebelsuppe.


Der Anfängerskikurs, der an meine längst verkümmerten Skifahrer-Skills aus Kindertagen anknüpfen sollte, fällt flach, so viel steht fest. Trotzdem mache ich mich zuversichtlich auf den kleinen Fußmarsch zur Seilbahn am Fuße der Alpspitze. Mit 2628 Metern ist sie die kleine Schwester der benachbarten Zugspitze. Mit sperrigem Equipment beladen lassen sich Wintersportler mit der Zahnradbahn von Garmisch bequem zur Kreuzeck- und Alpspitzbahn oder weiter aufs Platt knapp unterhalb des Zugspitzgipfels chauffieren. Jetzt, bei solch miesen Bedingungen, sind das nur völlig Verrückte oder aber die härtesten unter ihnen – Könner, Koryphäen … Profis!
Beim 62. Kandahar-Rennen in Garmisch sind sie an diesem Wochenende das Salz in der Nebelsuppe. Während Normalsterbliche sich nicht mal mit Fallschirm an Kandahar-Streckenabschnitte wie „Den Freien Fall“ ranwagen würden, brettern die Skihelden dieser Welt mit teilweise mehr als 100 Kilometer pro Stunde drüber. Mit kolossalen 92 Prozent Gefälle reißt die Königin aller Abfahrtsstrecken hier gnadenlos den Boden auf und führt in nichts als Nichts.


Weniger als 24 Stunden später stehe ich inmitten einer jubelnden Menge an der Zieleinfahrt der Kandahar. Der Start des zweiten Durchgangs – Riesenslalom der Herren – steht kurz bevor. Stadionwurst und Radler zur Halbzeit sind obligatorisch … ups, ähm, falsche Sportart. Dann halt Slalom-Semmel und Glühwein. Was beim Fußball das Trikot, ist hier die Bommelmütze. Auch hier gibts im Publikum die stillen Beobachter, genauso wie die feucht fröhlich feiernden Superfans oder die kreischenden Teenies. Es gibt Stehplätze, Sitzplätze und auch die VIPs, die es sich im Warmen gut gehen lassen. Zwar alles gut fünf Nummern kleiner, dafür aber um ein Vielfaches näher und heimeliger.

Der ein oder andere Vorläufer ist bereits heil unten angekommen. Links neben mir tänzelt eine ältere Dame mit bunt gestreifter Häkelmütze fast wie eines der Teenie-Mädels in den vorderen Reihen aufgeregt auf der Tribüne hin und her. Als der letzte Youngster die Ziellinie passiert, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen und atmet erleichter durch.

„Ja mei, dem Buam wern d’Oberschenkel brenna!“

Sie ist die Großmutter, erzählt sie stolz. Und auch, dass sie ihren 17-jährigen Enkel und seinen jüngeren Bruder kaum mehr zu Gesicht bekommt. Nichts geht übers „Skifoan“, auch nicht die Familie. Das Training bestimmt deren Tagesablauf, um dann irgendwann vielleicht mal bei den Besten mitmischen zu können.
Unter den Besten des heutigen Tages sind nach dem ersten Lauf die beiden Local Heroes Fritz Dopfer und Felix Neureuther auf den Plätzen vier und fünf. Entsprechend geladen ist die Stimmung in der Arena. „A Platz auf am Stockerl is drinna“, hofft die Garmischerin und hat mich längst mit ihrem Enthusiasmus angesteckt. Zwei Läufer stehen noch am Start, als tatsächlich bereits feststeht: Neureuther hat sich aufs Podium vorgeboxt. Gelungenes Heimspiel! Am Ende ist es nur der Österreicher Marcel Hirscher, dem er sich mit noch nie dagewesenen drei Sekunden Rückstand geschlagen geben muss.


Auch wenn der Nebel sich am Ende des Rennens etwas gelichtet hat, die Erstürmung des 2962 Meter hohen Zugspitzgipfels hat sich für mich erledigt. Die letzte Gondel des Tages ist durch. Auf dem Weg zurück nach Garmisch blicke ich mich nochmal um und sehe zum ersten Mal das gewaltige Zugspitzmassiv vor blauem Himmel durch die Wolken blitzen.
Ist klar … du spielst mit mir – es ist dir ins Gesicht geschrieben. Du lässt dich nicht verplanen. Von niemandem. Hast deinen eigenen Kopf. Aber liebe Zugspitze, lass‘ dir gesagt sein, den hab‘ ich auch. Ich werde zurückkommen. Vielleicht im Sommer. Und dann werden wir zusammen wahrscheinlich viel Spaß haben … pfiat di!

Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

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