Von Fjällbacka und den Fischerdörfern der westlichen Schären sind wir durchgefahren – den ganzen Weg. Vorbeigeschlittert an der der norwegischen Grenze. Bis zu dem Ort, der den nördlichsten Punkt unserer kleinen Schwedenreise markieren sollte: Jössefors. Na ja eigentlich ist es nur ein einzelnes Haus, irgendwo an einer Landstraße, die es vom Seeufer des Glafsfjorden trennt. Zur anderen Seite nichts als Wald. Bezeichnend für die westschwedische Provinz, die sich Värmland nennt. Da ist es, Schwedens Reich der glitzernden Seen und einsamen Wälder. Der Elche, Biber und schönen Prinzen.

2. Stadt, Land … See

Von Natur aus magisch

Wir hatten die Wildnis gerufen. Das Naturreservat Glaskogen hat geantwortet – mit Elchlockrufen und Vogelgezwitscher. Auf insgesamt 300 Kilometern Wanderrouten wollen wir unseren Sportschuhen den gebührenden Auslauf gönnen und den ein oder anderen der 80 Seen im Kanu erkunden. So die Idee. Nicht die geringste Idee allerdings hatten wir davon, wo genau wir unterkommen sollten. Außer dem bloßen Waldboden gibt’s im 28.000 Hektar großen Schutzgebiet kaum Übernachtungsmöglichkeiten. Alles und jeder hier ist – natürlich – auf Camping gemünzt. Wir nicht. Lenungshammar und sein viel gelobter und bestimmt sehr zu empfehlender Campingplatz mitten im Reservat war damit raus. Auch als Informationszentrale würde es abends um 18 Uhr zur Nebensaison wenig nützen. Wir brauchten eine Unterkunft. Möglichst nah, möglichst schnell.

Und hier stehen wir nun, vor diesem ganz und gar magischen, falunroten Schwedenhaus. Guesthouse Eleven. Könnte mal ein Hexenhaus gewesen sein. Vielleicht ist es das ja noch – verzaubert und als Herberge getarnt. Feinster Nieselregen hüllt den Wagen in einen Film winziger Wassertröpfchen. Dumpfes Grummeln und der Blick zum Himmel verheißen nichts Gutes. Da braut sich was zusammen. Trübe Hexensuppe. Zum Fürchten bleibt keine Zeit. Das Grummeln ist der Magen und das Hexenhaus entpuppt sich als alte, umgemodelte Dorfschule. Zwei Jahre lang hat Michel Muys mit Frau und Kindern sichtlich viel Herzblut, Mühen und Schweiß ins Projekt „Miniatur-Hogwarts im Scandi-Look“ gesteckt und ein ganz besonderes Gästehaus geschaffen. Platz ist für insgesamt 33 Zauberschüler, verteilt auf zehn Doppel- und Familienzimmer. Schlicht und hell, in dezenten Naturtönen gehalten. Alle ausgestattet mit eigenem, großem Badezimmer.
Michels Ehefrau Brenda hat die Herdplatten bereits angeschmissen – Hunger und Müdigkeit scheint man uns anzusehen. Und noch bevor der Lachs gar ist, hat der Hausherr selbst wie von Zauberhand all unsere Wehwehchen angesichts absoluter Planlosigkeit verarztet … mit dem Plan, den wir nie hatten. Programmpunkte Eins bis Drei: Ankommen. Essen. Schlafen.


Die Elch-Pirsch

Wandern. Der vierte Punkt. Michel hat sich gestern spät abends noch Zeit genommen, uns bei einem gemütlichen Radler verschiedene empfehlenswerte Wandertouren anhand der detailierten Glaskogskarte aufzuzeigen. Das Besucherpermit, von dem allzu oft gesprochen wird, braucht nur, wer im Reservat übernachten will. Solch eine längere Marschroute durch die weit verzweigten, einsamen Wälder des Glaskogen – Lagerfeuerromantik, Kanuetappen und nächtliches Wolfsgeheul inklusive – passt leider nicht in unser Zeitfenster. Es wird die abgespeckte Tagesvariante, noch immer in der Hoffnung auf das ultimative Schwedenabenteuer mit Elch & Co. Könnte schwierig werden bei den für heute angekündigten Wetterkapriolen. Dann verkriechen sich auch die Tiere lieber im Trockenen.

„Elche? Elche begegnen euch mit etwas Glück auch hinterm Haus oder mitten auf der Straße.“
(Michel Muys)

Startpunkt ist bei Nedre Djuvsheden am Westufer des zweit größten See des Glaskogen, dem Övre Gla. Es geht zunächst bergauf, immer den orangefarbenen Markierungen hinterher, die den Weg durchs Dickicht weisen. Der schmale Pfad ist kaum auszumachen. Über den Waldboden schlängelt sich ein dichtgewebtes Wurzellabyrinth – stellenweise versteckt unter Flechten und Moos. Wie zu erwarten liegt Regen in der Luft. Als eine einzige konturlose Wolkenschicht schwebt die Feuchtigkeit bedrohlich über den Baumwipfeln und trübt die Sicht. Nur schemenhaft ist der östliche Uferstreifen des Övre Gla von einer Anhöhe aus zu erkennen. Dort, wo ein Viewpoint-Symbol in der Wanderkarte einen tipptopp Fernblick übers Glaskogen-Seen-Imperium verspricht, wird uns schon wieder fiese Hexensuppe serviert. Pfui Deibel. Dem Regen folgt ja bekanntlich die Traufe und in selbiger kämpfen wir uns knietief durch die restlichen 10 Streckenkilometer – begleitet von gelegentlichem Donnergrollen.


Dennoch gibt es sie, die Momente, die uns Freude bereiten: Wie uns irgendwann klar wird, dass wir offenbar die einzigen Idioten sind, die durch den schwedischen Urwald stiefeln, während es Katzen hagelt. Wie wir mittels Michels bloßer Beschreibung kleine, gelblich braune Eier am Wegesrand als Elchscheiße identifizieren. Großes Kino … finden wir. Und wie wir mit jedem weiteren Haufen aufgeregt die Gegend scannen, im festen Glauben daran, irgendwo im Unterholz doch noch einen Elch zu sichten. Am Ende des Tages muss uns der präparierten Elchschädel im Eingangsbereich des Guesthouse Eleven genügen. Es ist wie es ist – kein Elch im Regen … stattdessen lecker Elch im Burger. In der Olssons Brygga im nur acht Kilometer entfernten Arvika. Mit 14.000 Eingeborenen ist es quasi das Zentrum Westvärmlands und wohl die einzige Menschenansammlung in der Glaskogen-Gegend, die als Stadt durchgeht.


Im Fahrwasser der Wikinger

Die heftigen Regengüsse sehen dem Mai so gar nicht ähnlich. Generell sei er einer der sonnenverwöhntesten Monate, meint Michel, während Mitte Juni dann zunehmend die Wassermassen vom Himmel prasseln – zum Bedauern der schwedischen Kids meist pünktlich zu den Sommerferien. Wir haben einen rabenschwarzen Mai erwischt. Ergeben werden wir uns der grantigen Wetterhexe jedoch nicht. Punkt Fünf, Kanufahren, steht. Unser neues schwedisches Lieblingsquartier direkt am Ufer des Glafsfjorden könnte als Ausgangspunkt perfekter nicht sein. Mr. Super-Muys stattet uns – Simsalabim – mit Kanu und Schwimmweste aus, begleitet uns zum Einstieg und gibt eine kurze Einweisung sowie einige Paddel-Tipps.
Der See ist ruhig aber nicht spiegelglatt. Kühler, leichter Wind rauht die Wasseroberfläche auf und kräuselt sie zu kleinen Wellen. Ich persönlich bin mir ja ziemlich sicher, dass dies der Grund für den unfreiwilligen Zickzack-Kurs ist, den wir einschlagen. Böse Zungen behaupten ja ich wäre hinten im Kanu sitzend Steuermann und insofern auch verantwortlich für die Ideallinie. Papalapab!

Jeden winzigen, halbwegs heiteren Augenblick nutzen wir, um die flüchtige Wärme aufzusaugen und uns treiben zu lassen. Egal wohin. Wir haben den ganzen Tag. Den ganzen See. Und irgendwie die ganze weite Welt. Mit genügend Sitzfleisch und gut gedrilltem Paddel-Bizeps, könnte man von hier aus im Fahrwasser der Wikinger direkt bis in die Nordsee hinaus rudern. Einige Wochen würde es schon dauern. Entlang der abwechslungsreichen Route durch unberührte Natur, riesige Seen, schmale Kanäle und verwinkelte Stadtzentren bieten sich viele Anlegemöglichkeiten. Auf einen Kaffee, eine faule Minute oder auf die ein oder andere Nacht mit festem Dach über dem Kopf. Vikingaleden – Wikingerweg, so wird der nördliche Teilabschnitt der durchgängig schiffbaren Wasserstraße genannt, die schon für Wickie und die starken Männer das Tor zur Welt bedeutete.

Nett. Nur halt gut ein, zwei Nummern zu groß für Flachwasserrekruten wie wir es sind. Dessen sehr wohl bewusst, drehen wir und unser Kahn uns heute rund um das kleine Naturschutzgebiet Bergs Klätt im Norden des Glafsfjorden. Das rettende Ufer der Halbinsel bleibt immer in greifbarer Nähe. In meinen Gedanken läuft bereits der Vorspann zur nächsten Inga Lindström * Verfilmung – „Schiffbruch ins Glück“, oder so ähnlich. Die tiefgründige Handlung: Frauen geraten in Schlechtwetterfront und kentern mit Kanu. Mann – optisch durchaus ansprechend – bringt sie an Land in idyllischer Schwedenkulisse. Dann, Irrungen und Wirrungen. Die Eine oder die Andere? Hin und Her … bis zum Happy End. Und wo bitte bleibt jetzt die Regendusche, wenn man sie braucht? Kein Wolkenbruch, kein Kentern, kein schnittiger Schwede. Die Schwedenidylle aber, die ist echt. Muss schön sein, den Sommer hier zu verbringen. Zu einem der Picknick-Plätze am Seeufer rauszupaddeln. Grillen, schwimmen, schwedische Sommernächte durchfeiern und die Zeit stillstehen lassen. Eine weitere Inga Lindström Folge, die darauf wartet, gelebt zu werden.


Stadt, Land … See .zip

In Jössefors am Rande des Naturreservats Glaskogen (B) verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte. Strecke zum Start der Wanderung: 24 Kilometer. Strecke nach Arvika: 8 Kilometer. Fahrzeit insgesamt: etwa 1,5 Stunden.

Ausgangspunkt & Pluspunkt Guesthouse Eleven: Ich bin ja grundsätzlich eher vorsichtig, irgendwelche Geheimtipps auszusprechen. Was das Guesthouse Eleven betrifft, würde ich es an dieser Stelle wagen wollen. Die Gastgeber haben sich in dem, was sie hier zaubern, ihren Traum erfüllt und das spürt man. Vor allem wer bei allen Outdoor-Strapazen – so schön sie auch sind – auf den Luxus vier fester Wände und auf ein anständiges Frühstückbuffet nicht verzichten will, ist hier genau richtig. Oder wer die Möglichkeit leider nicht hat, zeitunabhängig mit Sack und Pack durchs Gelände zu streifen. Die Pension ist ideal gelegen für sämtliche Aktivitäten draußen in der Natur. Die Lagerfeuernächte hinterm Haus blieben uns wetterbedingt leider versagt, sind aber definitiv mit ein Grund nochmal wiederzukommen. Der Preis: 319 Euro für die besagten drei Nächte im Doppelzimmer, plus 36 Euro Tagesmiete fürs Kanu.
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Punktabzug … gibts nur für die griesgrämige Wetterhexe, die uns zwar die Sicht aber nicht den Spaß verderben konnte.

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Posted by:Claudia

Grafikdesignerin und Reisebloggerin mit einer Vorliebe für Fotografie, Wordpress und ganz viel Kaffee. Auf dem Land geboren, auf dem Land aufgewachsen. Ausgezogen, um auf Traumpfaden zu wandern, und auch immer wieder gerne heimgekehrt … Gone Walkabout!

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